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Manchmal bedarf es des Blicks eines Außenstehenden, um einen Sachverhalt klar erkennen zu können. Als Glücksfall könnte man daher den indischen Gelehrten Autor und Christen Vishal Mangalwadi bezeichnen, der aus der Perspektive eines „Nicht-Westlers“ die Geschichte und die heutige Entwicklung Europas und Amerikas distanziert betrachten und analysieren kann. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Truth and Transformation“ seziert Mangalwadi messerscharf die Wurzeln und die Früchte des christlich geprägten Westens und stellt dem Befund die Situation seines Heimatlandes Indien gegenüber, dem viele Vorzüge des Westens versagt geblieben sind. In seinem Buch widmet Mangalwadi ein ganzes Kapitel dem Thema Familie, welches ich hier zusammenfassend wiedergeben möchte. Wenige Experten würden bestreiten, dass einer der Hauptfaktoren, warum die westliche Zivilisation sich im Vergleich mit anderen Zivilisationen als die stärkere erwiesen hat, in der Gleichberechtigung der Frauen zu suchen sei. Wer beim Stichwort Gleichberechtigung nur an die Emanzipationsbewegung vergangener Jahrzehnte denkt, liegt allerdings falsch. Wodurch aber bekamen die Frauen in westlichen Kulturen ihre gesellschaftliche Stärke, wenn nicht durch kämpferische Frauenpower-Aktivistinnen? Mangalwadi findet eine klare Antwort: durch monogame Ehen – der beständigen und ausschließlichen Verbindung eines Mannes und einer Frau. „Diese Definition von Ehe gab den westlichen Frauen einzigartige Macht über ihre Ehemänner und Kinder. Körperlich, geistig, gesellschaftlich und moralisch starke Frauen brachten starke Kinder, starke Männer, starke Gemeinschaften und starke Nationen hervor“ (S. 47). Monogamie ist also ein Privileg westlicher Frauen, das von Frauen in vielen anderen Teilen der Welt nicht geteilt wird und negative Folgen für das Leben in diesen Ländern hat. Um diesen Zusammenhang zu erklären, geht der Autor einige Jahrhunderte zurück, in eine Zeit, in welcher er den Ursprung der bis heute im Westen anerkannten Sicht von Ehe ausmacht und findet – Martin Luther. Luther lehrte (entgegen der gängigen Meinung damals), dass Ehe und Sex Teil von Gottes gutem und vollkommenen Schöpfungsplan war und nicht etwa Sünde und fleischlich. Darüber hinaus argumentierte er, dass Ehe die beste Charakterschule wäre: „Ein Jahr Ehe hat mich mehr geheiligt als zehn Jahre im Kloster“ soll Luther gesagt haben. Dazu Mangalwadi: „Die Ehe bringt all unsere Schattenseiten zum Vorschein, aber sie reinigt uns auch; doch nur, wenn wir in dieser Schule bleiben, die Gnade suchen, unsere Werte und unser Verhalten zu ändern und unseren Gatten ehren, lieben und dienen, dessen Ansichten, Werte und Gewohnheiten uns so irritieren“ (S. 49). In dieser Charakterschule der Ehe leistet Sex einen wichtigen Teil: „wenn er in den richtigen Bahnen gelenkt wird, baut der Sexualtrieb Personen, Familien und Gemeinschaften auf; aber wenn er entfesselt wird, ohne die Bande von Moral und Weisheit, wirkt er zerstörerisch“ (S. 50). Nur eine lebenslange und ausschließliche Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau schafft den richtigen Rahmen. Bis zur Sexuellen Revolution der Sechziger Jahre war diese Sicht im Westen allgemein anerkannt. Zum Kontrast nimmt Mangalwadi sein eigenes Land Indien als Beispiel, um den Unterschied zwischen der westlichen, christlichen und einer nicht-christlichen Sicht von Ehe zu verdeutlichen. Polygamie, also das Ausleben mehrerer, nicht ausschließlicher geschlechtlicher Beziehungen, war und ist in Indien gesellschaftlich akzeptiert. Die Folge war, dass von einem Ehemann nicht verlangt werden konnte, seine Frau zu lieben. Frauen in Indien verrichteten die niedrigsten Arbeiten – wie Wasser holen und Kuhmist sammeln – und hatten keinerlei Macht über ihre Ehemänner. „Polygamie und Tempelprostitution schwächten unsere Frauen“ (S. 51), denn während Frauen im Westen von ihren Männern verlangen konnten, sich an der anfallenden Arbeit zu beteiligen oder an der Verbesserung der Lebensumstände mitzuwirken, statt zu faulenzen oder zu trinken, konnten die Männer in Indien einfach zu einer anderen Frau, einer Geliebten oder Tempelprostituierten gehen. „Manche indischen Reformer warben für Monogamie, weil sie verstanden hatten, dass freizügiger Sex wie ein ungezähmter Fluss ist, dessen Wasser wenig direkten Beitrag zur Kultivierung beiträgt. Ein Fluss wird für Bewässerung, Wassermühlen und Stromgewinnung erst nutzbar, wenn er eingedämmt und kontrolliert wird, wenn der Durchfluss begrenzt und reguliert werden kann“ (S. 51). Angesichts dieser Zusammenhänge ist es schon Ironie, dass ausgerechnet manche Frauen monogame Ehen ablehnen, in der Meinung, ausschließlich an eine Person gebunden zu sein, käme Sklaverei gleich. Während wir im Westen noch immer davon profitieren, dass Monogamie jahrhundertelang als einzig mögliche Form der Beziehung zwischen Mann und Frau verstanden wurde, leiden Länder in Afrika zum Beispiel ganz massiv unter den Folgen gelebter sexueller Freizügigkeit – Unterdrückung von Frauen, schwachen Kindern, Waisen, AIDS und anderem. Wie aber sieht es im „neuen Westen“ aus? „Der Westen konnte Monogamie nur aufrecht erhalten, solange Liebe als Gnadengabe und Frucht des Geistes gesehen wurde. Heute werden Menschen gelehrt, es gäbe keinen Geist und Liebe sei reine Chemie. Wenn sich die Chemie ändert, kann man dieselbe Person plötzlich nicht mehr lieben. […] Als Folge wurde Scheidung zum Normalzustand. […] Scheidung ohne Hindernisse hat die Monogamie – die Schule westlichen Charakters – bereits in serielle Polygamie verkehrt“ (S. 53). Und weiter: „Die Trennung des Vergnügens am Geschlechtsverkehr und seiner Rolle als verbindender Klebstoff hat Männer zu Jungen gemacht – Playboys – die wenig bis gar keine Verantwortung für die Frauen übernehmen, die sie lieben oder die Kinder, die sie zeugen. Und damit wurden aus den einst starken Frauen des Westens allein erziehende Mütter und 'Desperate Housewives'“(S. 53). Anhand der Ausführungen Mangalwadis sollte deutlich werden, dass die heutige Diskussion über verschiedene Ehe- und Familienformen nicht als isolierte Frage und schon gar nicht als Einmischung in die Privatsphäre freier Menschen verstanden werden kann, sondern letztlich „die mächtigste Idee hinter der westlichen Zivilisation, nämlich die Würde von Frauen, Männern und Kindern“(S. 53) betrifft. Vishal Mangalwadi ist ein international gefragter Lehrer, Sozialreformer, Kolumnist und hat vierzehn Bücher verfasst. Sein aktuelles Buch „Truth and Transformation“ (YWAM Publishing) ist derzeit leider noch nicht in deutsch erhältlich. Uli Braun |