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„Lieber noch ein bisschen warten“ |
... so titelte der Stern in der Online-Ausgabe vom 2. September 20101 eine Schlagzeile, die schon wieder in die Kategorie „überraschend, aber erfreulich“ passt. Mädchen und Jungen hätten heute später Sex als noch vor fünf Jahren. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt die Studie „Jugendsexualität 2010“ der Bundeszentrale für gesundheitlich Aufklärung. Verglichen mit den Zahlen von 2005 sei bei den 14-jährigen Mädchen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, der Anteil von zwölf auf sieben Prozent und bei den Jungen von zehn auf vier Prozent gesunken. Auch bei den weiblichen 17-jährigen zeichne sich offenbar ein rückläufiger Trend ab: statt 73 Prozent gäben nur noch 66 Prozent an, bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt zu haben. Bei den Jungen bliebe der Anteil mit 65 Prozent in dieser Altersgruppe nahezu konstant. Warten auf der Richtigen Viele Jugendliche gäben an, noch nicht „den Richtigen“ oder „die Richtige“ gefunden zu haben, und deshalb noch mit Sex warten zu wollen. Für zwei Drittel der Mädchen sei dies laut Studie sogar der Hauptgrund. Eine feste Bindung, Liebe und Treue mögen ebenso Gründe der Zurückhaltung sein. Besser verhütet Mehr denn je achteten Jugendliche offenbar auf Verhütung. Nur acht Prozent der Jugendlichen gäben an, beim ersten Sex keine Verhütungsmittel verwendet zu haben. Dies sei der niedrigste Wert seit 1980. Damals seien es noch 20 Prozent bei Mädchen bzw. 29 Prozent bei Jungen gewesen. Kommentar Jugendliche Deutsche machen es also nicht wann und mit wem sie gerade Lust haben. Für Alt-68er - stets um sexuelle Befreiung bemüht - ein Tiefschlag und für konservativ denkende zumindest ein Grund, die Hoffnung doch nicht ganz aufzugeben. Offene Sexualität im Vorabendprogramm und Non-stop-Pornographie im Internet haben den deutschen Jugendlichen anscheinend weniger geschadet, als zu befürchten war. Nach 40 Jahren sexueller „Aufklärung“ schwimmen den „Aufklärern“ die Felle davon – die Jugendlichen von heute glauben den Hippie-Grundsätzen ihrer freizügigen Eltern- und Grosselterngeneration und der seichten Unterhaltungsindustrie einfach nicht mehr. Doch woher kommt diese Trendwende? Wer hat unsere Jugendlichen gelehrt, dass ihre Sexualität ein kostbares Gut sei, das zu bewahren sich lohnt? Die Kirchen? Angesichts der geringen Zahl von kirchennahen Jugendlichen eher nicht. Schule? Eltern? Fraglich. Oder tragen konservative Medien-Kampagnen wie „Wahre Liebe wartet“ am Ende doch Früchte? Das darf getrost bezweifelt werden. Doch woher dann der Wetterumschwung? Dem nachzugehen, wäre sicher eine lohnende Aufgabe und könnte vielleicht so manches überraschende Ergebnis zu Tage fördern. Es könnte sein, dass manches Teenie-Idol damit zu tun hat. Es könnte aber auch sein, dass es die Jünger der sexuellen Aufklärung selbst waren, welche die Jugendlichen zu einem Umdenken inspiriert haben. Wechselnde Partnerschaften, offen gelebte Sexualität ihrer Eltern – das kommt bei vielen Jugendliche einfach nicht mehr so gut an. Sie wünschen sich etwas anderes, etwas besseres, als das, was sie von ihren Eltern vorgelebt bekommen. Der offene Umgang mit dem Thema Sex in der heutigen Zeit und der Austausch nicht nur über die angenehmen Erfahrungen, sondern auch über die Schattenseiten, tragen sicher auch ihren Teil dazu bei. Trotzdem kein Grund zum Jubel Man sollte es aber auch nicht übertreiben mit dem Jubel. Dass Jugendliche tendenziell heute zwar nicht mit 14, dafür aber mit 15, aber spätestens ab 16 sexuell aktiv werden, lässt nicht unbedingt auf einen tiefgreifenden Sinneswandel schliessen. Sex ohne verbindlichen Rahmen bleibt gefährlicher Sex – emotional wie gesundheitlich, egal wann mit dem unverbindlichen Verkehr begonnen wird. Eine so genannte „feste Beziehung“ ersetzt kein Ehe-Versprechen, da sie zwar im Idealfall exklusiv (hier kommt die gewünschte Treue zum Tragen), nicht aber unbedingt auf lange Dauer angelegt sein muss. Denn dass 16-jährige sich bereits verbindlich auf einen Lebenspartner festlegen, ist so unrealistisch wie unklug, auch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen. Weniger jugendlicher Sex gleich weniger Abtreibungen? Der im zitierten Artikel erwähnte Trend, erstens bedachter mit Sex umzugehen und zweitens dann wenigstens zu verhüten, sollte zwar schon deshalb erfreulich sein, weil damit ganz logisch auch die Zahl der vermeintlich vielen Abtreibungen im Teenageralter rückläufig sein müssten. Dies ist sicher zum Teil richtig. Die Freude über eine geringere Zahl an minderjährigen Mädchen, die abtreiben lassen (müssen), wird jedoch schnell relativiert, wenn man sich die Wirklichkeit genauer ansieht. Es sind in Wahrheit nämlich nur fünf von hundert Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland, die überhaupt an Frauen unter 18 Jahren vorgenommen werden. Der riesige Hauptanteil (73 Prozent) entfällt auf Frauen zwischen 18 und 34 Jahren und weitere 14 Prozent auf Frauen zwischen 35 und 39 Jahren2 . Die minderjährigen fallen statistisch also kaum ins Gewicht, stattdessen wird deutlich, dass Abtreibung (wenn auch in den letzten Jahren leicht rückläufig) nach wie vor als Mittel der Geburtenkontrolle, und nicht, wie häufig scheinheilig propagiert, als Lösung für Härtefälle (wie z.B. Teenagerschwangerschaften) eingesetzt wird. Uli Braun 1 http://www.stern.de/panorama/studie-zur-jugendsexualitaet-2010-lieber-noch-ein-bisschen-warten-1599711.html 2 http://www.topnews.de/zahl-der-abtreibungen-weiter-ruecklaeufig-381695 |
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