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12. Dezember 2007 Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) hat in einem Memorandum davor gewarnt, in der Diskussion über die Krippenausbau-Pläne in Deutschland nur “demographische, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Aspekte” zu berücksichtigen. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit den “Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen” kommen die in der DPV organisierten Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker zu folgendem Schluss: “Plötzliche oder zu lange Trennungen von den Eltern bedeuten in der frühen Kindheit einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit, auch weil Sprach- und Zeitverständnis des Kindes noch nicht weit genug entwickelt sind, um Verwirrung oder Angst mit Erklärungen zu mildern. Eine Trennung von den Eltern, die nicht durch ausreichend lange Übergangs- und Eingewöhnungsphasen vorbereitet wird, kann vom Kind als innerseelische Katastrophe erlebt werden, die seine Bewältigungsmöglichkeiten überfordert.” Die empirische Begründung für diese Einschätzung wird folgendermaßen zusammengefasst: “In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass es entwicklungspsychologisch einen bedeutsamen Unterschied macht, ob ein Kind mit einem Jahr, mit anderthalb oder zwei Jahren in außerfamiliäre Betreuung kommt und wie viele Stunden täglich sie in Anspruch genommen wird. Je länger die tägliche Betreuung getrennt von den Eltern andauert, umso höhere Werte des Stresshormons Cortisol sind zum Beispiel im kindlichen Organismus nachweisbar.” In der ausführlichen DPV-Stellungnahme wird außerdem darauf hingewiesen, dass unvorbereitete Verlusterfahrungen besonders folgenreich seien: “Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer Tagesmutter bedeutet für das Kind eine erneute Erfahrung von Bindungsverlust. Es gibt keine psychische Gewöhnung an Verlust: Kommt er unvorbereitet und kann er nicht innerhalb einer vertrauten Beziehung verdaut werden, sind Verleugnung und Anästhesierung der Gefühle die Folge, häufig begleitet von der „Körpersprache“ psychosomatischer Symptome. Der meist unausweichliche Verlust der Ersatzperson ist dann besonders schwerwiegend, wenn das Kind in seiner Trauer um sie von den Eltern kaum bestätigt und gestützt wird.” Grundlage dieser Überlegungen, die am 12. Dezember 2007 von der DPV-Kommission Öffentlichkeit und interdisziplinärer Dialog veröffentlicht wurden, ist die Überzeugung, dass “in den ersten drei Lebensjahren (...) die Grundlage für die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt” werde. Deshalb seien “in dieser sensiblen Entwicklungszeit (...) regelmäßige ganztägige Trennungen von den Eltern eine besondere psychische Belastung für die Kinder”. Um “Traumatisierungen zu verhindern” schlägt die DPV vor, dass “analog zur „Schulreife“ (...) die „Krippenreife“ für jedes Kind individuell beurteilt werden” sollte. Auch das Tagesmuttermodell sei problematisch, weil in vielen Fällen die Tagesmutter gewechselt werden müsse oder weil Spannungen zwischen Mutter und Tagesmutter auftreten. Allerdings wird von der DPV auch eingeräumt, dass “aus verschiedenen Gründen (...) Mütter und Väter auf außerfamiliäre Betreuung ihrer Kinder angewiesen sein” können.
Rolf-Dieter Braun
Quelle: Veröffentlichung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung auf der DPV-Website
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