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„Für immer lieben und Kinder haben wollen“

Wie und warum Ehe für Partner und Gesellschaft die beste aller Lebensformen sein kann

FamilieZwei Tage vor der Hochzeit ihrer großen Schwester, kommt es zu einem Gespräch der damals neunjährigen Mimi mit drei der älteren Brüder. Die Jungs wollen sich einen Spaß machen und fragen sie: „Mimi, wie muß dein Freund sein, damit du ihn heiratest?“ Die spontane Antwort: „Er muß mich für immer lieben und Kinder haben wollen“. – „Und wenn er keine Kinder haben will?“ – „Dann heirate ich ihn nicht“. – „Und wenn er es vorher nicht sagt?“ – „Dann frage ich ihn einfach. Das krieg ich schon raus.“ Die Brüder sind platt. Der eine oder andere hat sich schon heimlich gewünscht, eine Frau wie Mimi zu treffen.

Von Jürgen Liminski

Was lernen wir von Mimi? Drei Dinge: Man braucht Geduld, klare Prinzipien und vor allem eine ehrliche, offene Bereitschaft zur Kommunikation. Da ist das klare Prinzip „für immer lieben“. Theologen nennen das die Unauflöslichkeit der Ehe. Für alle Sakramente gibt es übrigens nur diese Zeitangabe: immer. Sie sind für immer. Taufe, Kommunion, Firmung, Weihe, letzte Ölung, Beichte – und eben auch die Ehe. Ein Leben lang, nicht lebenslänglich. Diese Zusicherung vermittelt existentielle Sicherheit. In ihr steckt eine Verlässlichkeit, die trägt. Auch in schlechten Tagen, auch nach Fehltritten. Für immer lieben – es ist die Liebe, die erlöst. Sie ist das Maß aller Dinge. Deshalb gilt auch, was der deutsche Dichter Werner Bergengruen in seiner wunderschönen Novelle der spanische Rosenstock beschreibt. Nach vielen Irrungen und Wirrungen seines Helden Lysander kommt das Paar am Ende doch wieder zusammen und Lysander sagt: „Wohl bewährt sich die Liebe in der Treue, aber sie vollendet sich in der Vergebung“.

Deshalb gilt auch bei Fehlern, selbst schweren Fehlern wie Untreue: Die Ehe ist für immer. Ehe ist kein Wellness-Pakt, sie ist ein Weg, der Anstrengung kostet. Wo sonst lernen die Menschen verzeihen und um Vergebung bitten, wenn nicht in Ehe und Familie? Das ist vor allem eine emotionale Erfahrung, kein kognitives Problem, das irgendein Staatsbediensteter vermitteln könnte. Der Mensch, so sagte mal Mutter Teresa, die es wissen muss, „der Mensch lebt nicht so sehr von der Liebe, die er empfängt, sondern viel mehr von der Liebe, die er schenkt“. Die Ehe ist dafür ein privilegierter Ort.

Die Wissenschaft weiß längst, dass Paare in industrialisierten Ländern ihre Kinderzahl auch nach ökonomischen Kriterien bestimmen. Mehr als neunzig Prozent der Kinderlosen schieben aus wirtschaftlichen Gründen ihren Kinderwunsch hinaus und nicht selten wird er dann ganz unterdrückt. Das Hinausschieben ist ein Kompromiss. Gesellschaftlich bedeutet er allerdings, dass wir immer weniger Kinder und damit immer weniger Zukunft haben werden. Denn ältere Frauen bekommen naturgemäß weniger Kinder. Das ist für Politik und Wirtschaft gleichermaßen fatal. Den einen fehlen später die Steuer-und Sozialabgabenzahler, den anderen die Facharbeiter und überhaupt die Arbeitskräfte. Von der emotionalen Verarmung einer Gesellschaft mit immer weniger Kindern mal ganz abgesehen.

Der demographischen und emotionalen Misere geht allerdings noch eine ganz andere Verarmung voraus. Es ist die geistige Verwüstung durch den Relativismus, von der Benedikt XVI. in seiner ersten Predigt als Papst schon sprach. Das Problem ist freilich älter. Der Philosoph Robert Spaemann hat vor einem Jahr in einem Interview bemerkt: „Schon Jean Jacques Rousseau hat darauf hingewiesen, dass die „unbesiegbare Natur“ zurück schlägt, wenn die Herrscher falsche Gesetze erlassen und gegen die Ordnung der Dinge verstoßen. Wahrheit lässt sich auch durch eine demokratische Entscheidung nicht beugen. Es kann sehr wohl einer demokratischen Entscheidung unterliegen – und das sagt auch Rousseau – wenn in einem Land gegen die Natur der Dinge gehandelt wird. Dann kann man nur abwarten, bis die Katastrophen eintreten und es sieht aus, als wären wir heute in genau dieser Lage. […] Menschenwürde soll nichts mehr zu tun haben mit menschlicher Natur, sondern nur mit menschlicher Selbstbestimmung, also nur mit dem menschlichen Willen. Dann kommen so absurde Blüten heraus wie in Spanien, wo Sie zum Standesamt gehen und sagen können, ich möchte eine Frau sein, bitte schreiben sie mich um. Und dann sind sie eine Frau und dürfen auf die Damentoilette gehen. […] Es gibt etwas wie eine menschliche Natur, und die kann nicht einfach ersetzt werden durch Willen.“

Gegen diese Natur wird auch im Nachkriegs-Deutschland seit Jahren und Jahrzehnten verstossen. Man denke nur an die Freigabe der Abtreibung. Oder an die Relativierung der Ehe, die einen Anstieg von sogenannten Lebensgemeinschaften nach sich zog. Allein zwischen 1996 und 2007 ist die Zahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften (NeL) in Deutschland um rund ein Drittel gestiegen, während die der Ehepaare um rund 5 Prozent zurückging. Noch tiefgreifender als in der amtlichen Statistik stellt sich der Lebensformenwandel aus der Perspektive individueller Lebensverläufe dar: Während in der älteren Generation der 1940 Geborenen nur 3 Prozent bis zu ihrem 30. Lebensjahr einmal in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft gelebt hatten, waren es unter den 1960 geborenen Deutschen schon fast ein Drittel. In der jüngeren Generation setzt sich dieser Trend fort: Unter Dreißigjährige leben mittlerweile häufiger unverheiratet als in einer Ehe zusammen. Innerhalb von zwei bis drei Jahrzehnten ist das unverheiratete Zusammenleben bei den jüngeren Paaren von der Ausnahme zum Normalfall in Partnerschaftsbiographien und die Heirat ohne vorheriges Zusammenleben von der Regel zur Ausnahme geworden.
      
Als Folge dieses Wandels wurde auch das Unterhaltsrecht geändert (2007) und hat das Bundesverfassungsgericht den Kinderbetreuungsunterhalt für geschiedene Frauen auf die bisher für unverheiratete Mütter geltende Dauer gekürzt (2009). Gleichzeitig wurden nichteheliche Beziehungen verrechtlicht. Sukzessive verschwinden die Unterschiede zwischen Ehen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften im Rechtssystem. Praktisch behandeln Politik und Rechtsprechung Ehen und nichteheliche Lebensgemeinschaften längst als äquivalente Lebensformen. Dies entspricht auch der Sichtweise der (Medien)Öffentlichkeit. Aber

Es macht einen Unterschied, ob man verheiratet ist oder „nur“ zusammenlebt. Und zwar für die einzelnen Partner wie für die Gesellschaft. Der Bonner Familienforscher Stefan Fuchs belegt in einem Bericht des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl, Familie (www.i-daf.org), die empirische Sozialforschung zeige signifikante Unterschiede: „Nichteheliche Lebensgemeinschaften sind meist von kürzerer Dauer: Ein großer Teil von ihnen wird innerhalb weniger Jahre getrennt oder in eine Ehe überführt. Das Trennungsrisiko ist in nichtehelichen Lebensgemeinschaften im Vergleich zu Ehen um ein Mehrfaches höher. Angesichts dessen ist es verständlich, dass unverheiratete Paare seltener gemeinsam Vermögen bilden. Dafür betonen sie stärker die Unabhängigkeit der Partner und deren Eigenverantwortung für ihren Lebensunterhalt. Die finanzielle Solidarität zwischen unverheirateten Lebenspartnern ist also tendenziell schwächer ausgeprägt als bei Ehepaaren. Sich für Kinder zu entscheiden wird durch solche Umstände nicht erleichtert. Die durchschnittliche Kinderzahl ist wesentlich geringer als die verheirateter Paare – in den USA sind sie wie in Deutschland mehrheitlich sogar kinderlos“.

Tatsächlich leben auch in Deutschland nur in knapp 10 Prozent aller eingetragenen Lebenspartnerschaften Kinder. Wo eine Ehe besteht, da gibt es dagegen in der Regel Nachwuchs: Etwa 90 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 40 und 44 Jahren haben Kinder. Bei Ehepaaren wachsen in Deutschland etwa 10 Millionen Kinder auf, in „eingetragenen Lebenspartnerschaften“ leben dagegen nur etwa 2000, in sogenannten Regenbogenfamilien (gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern) insgesamt etwa 7000 Kinder. Mehr als 80 Prozent der Lebenspartner (zumeist Frauen) sind erwerbstätig, von den in Ehe lebenden Müttern mit Kindern unter 15 Jahren gingen 2007 hingegen nur etwa 60 Prozent einer Erwerbstätigkeit nach. Dieser Unterschied ist offensichtlich in der Kinderzahl begründet: In „Regenbogenfamilien“ lebt meistens nur ein Kind, während Ehepaare meistens mehrere Kinder haben. Zugunsten der Kindererziehung verzichten die meisten Mütter auf eine Vollzeiterwerbstätigkeit.

Mitunter wird versucht, diese markanten Unterschiede auf „Selbstselektionseffekte“ zurückzuführen: Wer sich keine Kinder wünsche, entscheide sich für die nichteheliche Lebensgemeinschaft, während Paare mit Kinderwunsch aus Konvention bzw. wegen (steuer)rechtlicher Vorteile heirateten. Demnach bringe nicht die Lebensform der Ehe die Kinder mit sich, sondern umgekehrt seien die Kinder der Grund für die Heirat. Dieser Sichtweise widersprechen Forschungen aus den USA: „Selbstselektion“ von Individuen mit bestimmten, die Entscheidung für Kinder vorprägenden Merkmalen in Ehen bzw. nichtehelichen Lebensgemeinschaften kann die höhere Kinderzahl der verheirateten Paare nur zu einem kleineren Teil erklären. Ausschlaggebend für die höhere Geburtenneigung der Verheirateten sind nicht deren individuelle Eigenschaften, sondern ihr Zusammenleben in der Institution Ehe. Amerikanische Forscher ziehen daraus den Schluss, dass die Ehe einen wichtigen Unterschied ausmacht („marriage matters“).

Wenn für die Familienpolitik in Deutschland die Steigerung der Geburtenrate tatsächlich ein Ziel wäre, wie die frühere Ministerin Ursula von der Leyen mehrfach betonte, dann müsste sie folgerichtig auch das Institut der Ehe fördern. Das umso mehr, als Ehen auch staatsökonomisch gesehen preiswerter sind als nichteheliche Lebensgemeinschaften. Die Statistik zeigt, dass Transferzahlungen für Erziehung und Sozialhilfe zum geringsten Teil an Ehepaare fließen. Und dieser geringe Teil dürfte in der Hauptsache das Kindergeld sein.

Die Ehe trägt auch zur Stabilität der Gesellschaft bei. Ehe und Familie gehören zu jenen Voraussetzungen, die der Staat nicht schaf­fen kann, von denen er aber lebt (Böckenförde). Zum Beispiel ist der Sinn für Soli­darität und Nächstenliebe einer der Gründe, warum das Grund­gesetz in Artikel 6 Ehe und Familie unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung stellt. Der Familienforscher Heinz Lampert nennt konkret „die Erzeugung solidarischen Verhaltens“ als einen Grund für den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie. Es sei eine Leistung, die in Ehe und Familie „in einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivität und Qualität“ erbracht werde.

Dieser Sinn für Solidarität ist wesentlicher Bestandteil der Liebe, er liegt sozusagen im Fundament der Ehe geborgen. Und das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft. Stabile Beziehungen senken die Risiken von Armut und Krankheit und erhöhen die Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit. Ehe ist gut für die Gesundheit. Das hat die Ver­haltensforscherin Linda Waite von der Universität Chicago erforscht. Verheiratete Männer leben gesünder und länger als unverheiratete, verheiratete Frauen ebenso. Auch Wissenschaftler von der britischen Warwick-Universität kamen bei einer Langzeitstudie zu diesem Schluss. Demnach weisen verheiratete Männer ein um 9 Prozent geringeres Sterberisiko auf als Singles. Bei Frauen sind es immerhin noch drei Prozent. Geradezu sprunghaft steigt das Gesundheitsrisiko bei Geschiedenen. All diese Effekte kommen nicht nur den Partnern, sondern auch der Allgemeinheit zugute. Diese sogenannten positiven exter­nen Effekte sind empirisch in zahlreichen Studien nachgewie­sen, weshalb Fachleute bei der Ehe auch von einem „kulturellen Kapital“ sprechen. Dieses Kapital ist auch gesellschaftspolitisch bedeutsam. Es stärkt die Sozialsysteme und die Wirtschaft. In Zeiten instabiler Renten und ande­rer wachsender Risiken aufgrund der demogra­phischen Entwicklung ist die Ehe eine Lebensversicherung besonderer Art. Sie schafft einen Rahmen, in dem nicht nur Emotionen gedeihen können, sondern aus dem auch Stabilität für das Gemeinwesen erwächst.

Eine noch höhere Stabilität erwächst aus einer anderen Kombination: Ehe und Re­ligion. Soziologen der Auburn-Universität in Alabama ha­ben 2004 herausgefunden, dass es auch auf die Art der Religion und Kirchenbindung ankommt. Die Forscher verglichen Daten aus dem amerikanischen Mikrozensus mit Daten aus 621 Kreisen in allen 50 US-Staaten. Entscheidend für das Gelingen einer Ehe sei auch das „religious makeup of a community“ – das religiöse Gefüge einer Gemein­de, und nicht nur die Religiosität des Paares. Da, wo die Menschen in relativ homo­genen religiösen Rahmenbedingungen (relatively homogeneous religious settings) lebten, gebe es signifikant weniger Scheidungen. Hinzu kommt in Zeiten der Wirtschaftskrisen der Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme, eine Unsicherheit, die den Wert von Ehe und Familie als privates Vorsorgesystem steigert. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, was Benedikt XVI. in seinem Jesus-Buch so formuliert: „Die Familie ist der Kern aller Sozialordnung“ und die Ehe als Voraussetzung für stabile Familien ist der Kern des Kerns. Der Doppelkern Ehe und Familie ist kein Garant für Stabilität, aber ein sozialer Rahmen, in dem Stabilität gedeihen kann und soziale Außenwirkung entfaltet, sofern der Wert dieser Institu­tionen auch gesell­schaftlich und politisch anerkannt wird. Diesem Ziel dient auch die Marriage week. Das öffentliche Bewusstsein braucht solche Aktionen, weil Politik, Medien und selbst das Bundesverfassungsgericht die Ehe nicht  mehr bedingungslos als Pfeiler der Gesellschaft betrachten und anerkennen. Immer lieben und geliebt werden – das ist zwar keine Selbstverständlichkeit mehr, aber immer noch die große Sehnsucht.

Jürgen Liminski | Quelle: MarriageWeek.de.

 
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